Jun 02

Einleitung: Ihr habt Euch vielleicht schon gefragt, was denn ein "freier Fotograf" den lieben langen Tag macht. Den ganzen Morgen lang sitzt er bei Kaffee und Gipfeli mit Künstlerkollegen zusammen und referiert wichtig über Gott und die Welt, dann macht er ein paar "Föteli" um alsbald in den Apero zu gehen. Am Abend folgen dann Wein, Weib und Gesang bis in die Puppen. Mit meiner neuen Serie, die ich in unregelmäßigen Abständen veröffentlichen will, gewähre ich einen Einblick in meine vielseitige, aber manchmal durchaus auch anstrengende Arbeit als Fotograf, die ich auch nach über 20 Jahren auf keinen Fall mit etwas anderem tauschen möchte.

20110602-121828.jpgMitten in der Nacht im Oltner Bahnhof an der Arbeit. Momente, die ich liebe.

Seit mehreren Tage befinde ich mich in einer never-ending-Story: Ich habe den Auftrag, für das Historische Museum Olten sämtliche Gewerbebetriebe in Olten abzulichten. Ein sehr schöner Auftrag, da ich in der Umsetzung völlig frei bin. Allerdings ist die Menge der Büros, Läden, Handwerkerbetriebe und ähnlichem fast schon uferlos. Ich dachte immer, dass ich die Dreitannenstadt kenne, aber ich finde immer wieder Betriebe, von denen ich noch nie gehört habe. Mittlerweile – die Vernissage der Ausstellung naht immer schneller – habe ich einen kleinen Roller gemietet und fahre sämtliche Quartiere in Olten ab. Bewaffnet mit zwei Kameras (Canon Eos 5D Mark II) bestückt mit einem 16-35 mm und einem 70-200 mm Objektiv rattere ich durch die Strassen und versuche, möglichst alle Betriebe zu finden. Zeigen möchte ich sie natürlich möglichst abwechslungsreich, einmal von innen, einmal nur das Logo, wenn es geht auch mal mit dem Besitzer. Technisch stellt der Job keine grossen Herausforderungen an mich, bin ich schnelles Fotografieren von meiner Zeit als Agenturfotograf doch gewohnt.

Interessant sind die Begegnungen, die man hat auf einem solchen "Trip" hat. Viele dunkle, skeptische Blicke treffen einen, wenn man im Schritttempo durch die Wohn-Quartiere rollt. Aber auch nette Grüsse und gar lustige Zurufe kommen vor. Auf absolute Ablehnung bin ich vor einem stadtbekannten Haus, das gleich mehrere Etablissements beherbergt, gestossen. Der jetzige Chef sass mit seinen albanischen Kollegen vor dem Haus im Sonnenschein, als ich mit meiner Kamera auftauchte. Mit einer verneinenden Geste missbilligte er mein Vorhaben, die Fassade des Hauses zu fotografieren. Als ich ihn darauf ansprach, ob er hier der Chef sei, antwortete er: "Ja, wenn Foto machsch, hesch sofort Problem." Er wollte nicht einmal wissen, um was es geht und markierte vor seinem Freunden den Big Boss.

20110602-122853.jpgNachtaufnahme des schönen, alten Kinos "Lichtspiele" in der Altstadt

Im Gegensatz dazu gab es auch angenehmere Begegnungen wie zum Beispiel in einer alteingesessenen Drogerie, in der gerade die fast 90-jährige Besitzerin zugegen war. Zuerst wollte sie sich partout nicht fotografieren lassen, mit Hilfe der beiden Angestellten konnten wir sie aber doch überzeugen. Sie war dann auch mit dem Resultat zufrieden und gab mir mit den fürsorglichen Worten – "Ich sehe, sie brauchen das jetzt" – eine Rolle Traubenzucker mit auf den Weg. Die Ausstellung zum 125-Jahre-Jubiläum des Gewerbeverbandes Olten ist ab 9. Juni im historischen Museum zu sehen. Meine Arbeiten werden auf 6 Bildschirmen als Dia-Schauen präsentiert.

20110602-123113.jpgRita von der Waadländerhalle bringt eine Rösti, die ich dann auch gleich verspeiste.

 


Apr 29

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Nachdem ich mich lange geweigert habe, so ein iPad – ein iPhone für Sehbehinderte, wie ich es immer zu nennen pflegte – zu benützen, habe ich mir jetzt doch noch so ein Teil zugelegt. Das Schlechte gleich am Anfang: die Gründe, dass ich das Tablet von Apple bis anhin verschmähte, existieren nach wie vor. Man kann das Ding einfach nicht mit anderen Sachen verbinden, wie man will. Kein USB-Stick, keine externe Festplatte, nix da. Nach Meinung von Apple sollte alles über iTunes laufen. Die Firma Apple, die jahrzehntelang über Microsoft & Co geflucht hat wegen deren Kontroll- und Monopolgebaren baut heute Geräte, die dem User ziemlich genau vorgeben, was er darf und was nicht. In Sachen Kontrolle steht Apple in letzter Zeit ja auch nicht gerade abseits und steht regelmässig in den Schlagzeilen.
Also war ich in der ersten Zeit damit beschäftigt, wie man Apples Sperren umgehen kann. Hat man das endlich mal im Griff, hat man dann ein äusserst vielseitiges und sehr gutes Spielzeug zur Hand, das man aber tatsächlich auch zum Arbeiten gebrauchen kann.
Mit den entsprechenden Applikationen ausgerüstet, kann es das Notebook durchaus ersetzen: Beim Texte schreiben sowieso, aber auch was einfache Bildbearbeitung angeht, gibt es erstaunlich gute Apps für wenig Geld.
Ich benütze unter anderem Filterstorm Pro, das fast wie ein Mini-Photoshop daher kommt und (zumindest mit dem iPad 2) Bilder aus der Eos 5 Mark II verarbeiten kann.
Das heisst, für einen Presseanlass, bei dem ich nur schnell zwei, drei Fotos bearbeiten und verschicken muss, reicht mir das iPad. Für größere Reportagen allerdings ist es zu langsam und kommt an die Grenzen was Produktivität und Handling angeht.
Toll ist alles, was mit Email und Internet zu tun hat. Das verwalten seiner Emails ist sehr angenehm gelöst, surfen im Net macht Spass. Bis auf eine bittere Pille, die da wäre, dass auch das iPad wie sein kleiner Bruder iPhone keine Flash-Inhalte anzeigt. Hier liefert sich Apple einen mühseligen Machtkampf mit Adobe auf Kosten der User. So bleibt einen so manches Filmchen oder Animationen im Netz verborgen, manchmal gleich ganze Websites. Allerdings sind die selber Schuld, die ihre Websites mit aufwändigen Flash-Animationen vollpfropfen und die Leitungen mit riesigen Datenmengen lahmlegen.
Was sich bei mir immer mehr herauskristallisiert, ist, dass das iPad ein sehr gutes Portfolio ist. Kommt man mit fotointeressierten Leuten ins Gespräch, hat man gleich ein umfangreiches Portfolio zur Hand und kann seine Arbeiten auf ansehnliche Art und Weise präsentieren.
Wünschenswert wäre so etwas wie ein Explorer, die Daten kann man nur in den jeweiligen Apps verwalten, eine übergreifende Ordnerstruktur fehlt. Hier hilft das App Goodreader, das eine Art Tausendsassa in Sachen Daten laden, ansehen, verschieben usw. ist. Bei mir wurde der Goodreader zur eigentlichen Drehscheibe in meinem iPad.
Zusammen mit den Funktionen von Dropbox (Synchronisieren von Daten auf allen Geräten) muss man das Tablet eigentlich nie mehr an iTunes anschliessen, ausser man will (und sollte natürlich auch hin und wieder) ein Backup erstellen.
Fazit: ein geniales Spielzeug mit gutem Nutzen aber mit den leider unterdessen üblichen Apple-Sperren und Leitplanken. Offener wäre das iPad ein kleines Wunder-Gerät.

P.S. Diesen Blogeintrag habe ich übrigens auch auf dem iPad erstellt. Das geht also auch ganz gut.

Aug 14
Die Nette: Stefanie Kloß mit Silbermond sogte für tolle Stimmung vor der Lindenbühne ©A.Albrecht
 

Das Heitere Open Air in Zofingen geht 2010 in die 20 Runde und hat am Freitag fulminant und ausverkauft begonnen. Es ist mein liebstes Open Air in der Schweiz, nicht nur, weil es vor der Haustür stattfindet, sondern auch wegen des vielseitigen Programmes und des wunderbaren Platzes auf dem Hausberg in Zofingen. Die Veranstalter verstehen es, den Riegel rechtzeitig zu schieben, so dass immer angenehme Platzverhältnisse herrschen, ausser man tummelt sich gleich vor der Bühne – aber das ist ja freiwillig. Viele Leute gehen aus Prinzip auf den Heitere, das Programm ist sekundär. Und genau dieser Umstand ergibt eine angenehme Sehen- und Gesehenwerden-Atmosphäre. Klar geht man auf den Berg, um Musik zu hören, aber nicht ausschliesslich. Man trifft nicht die Hardcore-Fans wie an anderen Konzerten, die Leute lassen sich vom Programm überraschen. Und genau das wurden sicher viele am Freitag, als Deborah Anne Dyer – bekannt als "Skin" (Bild unten) – von Skunk Anansie Vollgas gab. Vorher sorgte Stefanie Kloß (Bild oben) mit Silbermond für tolle Stimmung vor der Lindenbühne. Die Combo wusste mit ihrem deutschen Rock das Publikum mitzureissen, Frontfrau Stefanie Kloß hatte die Heitere-Besucher im Nu im Sack, während auf der Parkbühne für Skunk Anansie aufgebaut wurde. Nach Silbermond spazierte das Volk gut gelaunt und amüsiert hinunter zur kleineren Bühne, wo Skin die Szene gleich mit Vollgas stürmte. Hier ging es ein gutes Stück härter zu als zuvor, was die einen freute, die anderen aber aus ihrem süssen Silbermond-Träumen riss. Auch textlich – jetzt natürlich wieder in englisch – geht es bei Skunk Anasie heftiger zur Sache – politisch, sexuell und sehr direkt. Das diese gegensätzlichen Bands mit ihren beiden Frontfrauen direkt aufeinander folgten, war sehr spannend – zuerst das nette, dann das böse Mädchen.

Die Böse: Skin stürmte die Bühne gleich mit Vollgas    ©A.Albrecht


P.S. Für mich persönlich war der Auftritt von Sens Unik, der wiedervereinten Rap-Truppe um Carlos Leal (Bild) aus Lausanne, ein Höhepunkt. Zu meinen DJ-Zeiten haben wir "to the moon pleace" rauf- und runtergespielt. Der schnelle old-scool-Rap war ein Renner und er kam auch gestern sehr gut an – immer noch. Carlos Leal's Stimme kommt klar hinüber, für mich ist er nach wie vor der beste Rapper in der Schweiz – Stress oder Bligg hin oder her. Sens Unik hat sicher vielen heutigen Rap- und Hip-Hop-Combos der Schweiz als Wegbereiter gedient. Auch der Auftritt an und für sich – auf dem Bild gesellt sich Leal gerade zum Publikum – war trés sympa und im Gegensatz zu anderen Hip-Hopern überhaupt nicht überheblich. Laisse toi aller, sens unik.


Jul 31

Eins mal vorweg: Die 16. Ausgabe der Oltner Nachtfiebershow sorgte einmal mehr für einen unterhaltsamen, kurzweiligen Abend in der Schützi, die sich trotz Ferienzeit gut füllte. Es waren nebst den illustren Gästen gleich zwei Premieren zu sehen an diesem Abend: Die Show wurde live in das Open-air Kino übertragen (das allerdings gleich vor der Tür war) und – für mich das emotionale Highlight des Abends – unser smarter Moderator Rhaban Straumann wurde zum ersten Mal während einer Show geküsst. Diesen Begrüssungsschmatz bekam der redegewandte Schauspieler, der fast ein wenig die façon verloren hatte, von niemand geringeren als von der attraktiven Sängerin Jessy Howe. Beschwingt kam die schöne Musikerin auf die Bühne und begrüsste den überraschten Moderator mit züchtigen Küsschen auf die Wange. "16 Ausgaben brauchte es, bis mich jemand geküsst hat", meinte der sichtlich glückliche Straumann. Doch damit nicht genug: Als sich aus der ersten Reihe während des Auftrittes von Jessy Howe niemand getraute, mit der rassigen Sängerin ein Tänzchen zu wagen, ging sie geradewegs auf den am Rand weilenden Moderator zu, um ihn an der Kravatte zum Tanz abzuschleppen. Darauf folgte eine überraschend lockere Tanzeinlage von Straumann, der dafür während des Interviews mit Jessy ein wenig ins Schleudern kam. Waren das die Nachwirkungen der Küsse oder des wilden Tanzes mit der Sängerin? So, genug der boulvardesken Schreiberei. Gestern Abend während dieser Auftritte ging es mir durch den Kopf, dass diese Geschichte eine wunderbare Blickschlagzeile gegeben hätte, wären die zwei Protagonisten ein wenig prominenter. Das Bild sieht auf jeden Fall gut aus und mit den Zeilen oben hätte der Blick ohne weiteres seine Front gefüllt, würden die zwei Beni Thurnheer und Shakira heissen. So haben wir Oltner unsere eigene, kleine Boulvard-Geschichte, die es zwar nicht in den Blick schaffte, unsere Herzen aber doch für einen Moment erwärmen konnte.Die Show hatte natürlich ganz andere Highlights, die Gäste zeigten von herrlicher Berner Satire (Heinz Däpp) über Berner Rap (Steff la Cheffe) bis zu einem akustischer Leckerbissen von Beatboxer Camero grossartige Auftritte. Für mich war das grösste Vergnügen aber, dass nebst der üblichen, schrägen Figur Alfie Battler auch der ebenso schräge Dr. W.B. Grünspan, der sonst nur auf Videoeinspielungen zu sehen ist, live zu erleben war (Bild unten). Die beiden witzigen Figuren wussten sich mit ihren Streitereien gegenseitig zur Hochform zu steigern. Ein herrliches, ungleiches Duo, dass der Nachtfieber-Show das Salz (und den Pfeffer) in die Suppe gibt.

Jul 19

Nachdem ich das ZZ Top Konzert in Locarno eine Woche auf mich habe wirken lassen, fühle ich mich doch noch dazu berufen, meinen Senf dazu abzugeben. Immerhin habe ich anfangs der 80-er während meiner DJ-Zeiten das Trio aus Texas rauf- und runtergespielt. Die erste Platte von den Bärtigen habe ich Ende der Siebziger erstanden. Damals waren die drei noch wilde Jungs aus den Südstaaten, hier noch nicht so bekannt, zuhause füllten sie Stadien mit 70'000 Leuten. Als DJ hatte man jedesmal eine Hühnerhaut, wenn man "La Grange" abspielte und das Publikum liess die Haare fliegen. Natürlich war ich gespannt, was uns die lebenden Legenden aus Houston, die alle drei auch schon 61-jährig sind, zu bieten hatten. Der Beginn, den ich noch im Fotograben zubrachte, war vielversprechend, spielten die drei doch Stücke aus den 70-ern – unter anderem "Jesus Just Left Chicago", eines meiner Lieblingsstücke. Beindruckend war, wie ein Trio so einen satten Sound in das Rund der tropischen Piazza Grande von Locarno hineinbringen konnte. Ein weiteres Highlight folgte mit einer schönen Version von "Hey Joe" von Jimmy Hendrix, dessen Abbild riesig auf der Videowand prangte. Schade, dass die Texaner "The Wind Crys Mary" nur anspielten.
Dann ging es für mich leider etwas bergab mit dem Gig. Das Trio donnerte – natürlich warteten viele darauf – ihre Hits vom 1983-er Album "Eliminator" runter. Für mich verkörperten Stücke wie " Gimme All Your Lovin " schon damals das Ende einer wunderbaren Blues-Rock-Band, die sich – wie es so schön hiess – dem Zeitgeist öffnete. Zu allem Elend musste man sich dann noch auf der Grossleinwand Ausschnitte aus den Videos mit diesem unsäglichen Auto und diesen grässlichen Autostopperinnen ansehen. Das entsprach damals wie heute nicht meiner "Clint-Eastwood-Italo-Western-Ästhetik" und ich konnte dem auch im heissen Tessin nichts abgewinnen. Sie hätten lieber den Rest des Abends das Konterfei von Jimmy Hendrix gezeigt. Als die zwei Bärtigen ihre Werkzeuge dann noch mit einer weissen Plüschfell-Gitarre bzw Bass ersetzten, war das für mich eine Überdosis 80-er Jahre. Ich muss zugeben, die Stücke selber hörten sich live besser an, als auf den Synthi-aufgepeppten Platten von damals. Aber irgendwie verkam das Ganze zu einer Selbstdarstellung mit dem Groove von "früher war alles besser". AC/DC hat das irgendwie besser im Griff. Die feiern zwar auch sich selber, kommen aber immer noch authentisch hinüber. Bei ZZ Top hatte ich den Eindruck, die zeigen einfach ein gut eingespieltes Theater und reisen als Rock-Monumente um die Welt. Viel Bewegung ist da nicht mehr drin. Zum Schluss – als Zugabe – spielten sie dann zum Glück noch einen Hit aus vor-Eliminator-Zeiten: "La Grange", das Stück, das jetzt, morgen und für immer für Hühnerhaut sorgt.

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